Geschlechterrollen: Beim Grillen kommt die Wahrheit ans Licht

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Wenn Fleisch über dem offenen Feuer brutzelt, wird das Kochen zur Männersache erklärt. Unsere Autorin ist seit vielen Jahren überzeugte Grillerin und hält mit der Grillzange dagegen.

Bei einem Schulfest begann für mich als 14-Jährige die Grillkarriere. Auf einmal hatte ich eine dieser etwas splittrigen, schon gut verkohlten Holzzangen in der Hand und stand alleine vor einem großen Rost auf dem sich rund 60 Würstchen aneinanderreihten. Vor mir eine Meute Hungriger, wie es sie bei solchen Festen immer und in endloser Schlange gibt. Weil der Lehrer aufs Klo musste und sich die verfügbaren Jungs schon müde gegrillt und verkrümelt hatten, war ich zwangsverpflichtet worden.

Die Einführung wurde aufgrund der Dringlichkeit der Situation übersprungen. Hilfreiche Tipps hatten die anstehenden Wurstinteressenten dafür reichlich: vorwiegend ältere Jungs oder Väter, die dem Mädel hinterm Grill auf die Sprünge helfen wollten und sich sprücheklopfend ihre Wurst abholten. Die musste dann immer ein bisschen dunkler oder etwas weniger dunkel sein, als die, die ich gerade vom Grill herüberreichen wollte.

Aus dem spontanen Einsatz wurde ein fünfstündiger Intensivkurs, in dessen Verlauf ich nicht nur den Umgang mit dem Grill und das gleichzeitige Wenden von zehn Würstchen mit der Grillzangenseite erlernte, sondern auch den Umgang mit gut gemeinten Ratschlägen und Herrenwitzen. Für eine Frau, die grillt also unerlässliches Wissen.

Und das bis heute. Denn der Grilleinsatz schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil: Ich fing Feuer. Natürlich nur im übertragenen Sinne. Bis heute stehe ich bei Grillfeiern und in Partygrillbuden gerne hinterm Grill, und ja, ich heize ihn auch an. Wie das zügig geht, habe ich von meinem Bruder gelernt, der irgendwann mit einem Grillkamin in unserem Garten auftauchte.

Ich komme aber auch mit Zeitungspapier, Anzünder und Spiritus klar, wenn nur das vorhanden ist und kann einen Grillrost mit Hilfe von zwei Stöcken oder Gabeln höher einsetzten, wenn der Griff zu heiß sein sollte. (Wer dem Grill noch zusätzlich einheizen muss, dem lege ich hier ein Kehrblech als Grillhilfszeug ans Herz: meine Geheimwaffe, um schnell und ohne viel Ascheflug für ordentlich Zugluft zu sorgen.) Und ich grille nicht nur, ich esse auch alles, was der Grill hergibt. Am liebsten ein Steak. Das fasse ich auch roh an, und mag es am liebsten blutig.

Ich bringe also viel Grillbegeisterung und -erfahrung zu jeder Gartengrillparty mit. Doch leider ist beides eher selten gefragt, zumindest von einer Besucherin im Sommerkleid. „Das machst du dir nur dreckig, lass das mal die Jungs machen“, heißt es dann von der Gastgeberin. Und etwas weiter hat sich dann schon eine Männertraube um den Grill gescharrt und ist in tiefe Beratungen versunken, wie was wann auf den Grill soll, aber vor allem – wie das fremde Ding angefeuert werden soll.

„Habt ihr keinen Kamin?“, hört man dann. Oder: „Das sind die billigen Anzünder, die gehen nicht.“ Und: „Die Briketts brauchen doch viel zu lange, habt ihr keine Kohle?“ Wenn ich mich dazugeselle und lösungsorientierte Vorschläge mache, werden die gerne überhört, und statt mit der Grillzange stehe ich plötzlich mit einem gut gemeinten Glas Erdbeerbowle in der Hand herum.

Selten kommen Geschlechterrollen so deutlich zum Vorschein wie in der unmittelbaren Nähe eines Grills. Das offene Feuer wecke urzeitliche Instinkte im Manne, heißt es dann gerne. Ich glaube aber, dass vielmehr der Spieltrieb geweckt wird. In uns allen. Denn wer hat – egal ob Männlein oder Weiblein – als Kind nicht gerne herumgekokelt oder war vom Feuer fasziniert.

Dass der Grill unter Erwachsenen dennoch zur Männerzone gerät, liegt eher daran, dass frau als Gast oder Gastgeberin sich ebenso gerne anderen Aufgabengebieten widmet: Salate machen, Soßen rühren, Erdbeerbowle ansetzen, Sekt einschenken, Small Talk machen. Um Unliebsames wie das Abräumen und Abwaschen drücken sich die männlichen Partyteilnehmer zudem gerne und erfolgreich herum.

Dazu passt, dass meine Grilleinsätze oft doch noch zustande kommen, wenn die Herren groß angegrillt haben und selbst essen wollen. Und dazu passt, dass selten Männertrauben um den Grill stehen, wenn es ans Saubermachen geht. Also irgendwie doch ein Rollending.

Quelle: nw.de

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